Katja Hertin, Senior Content Strategist bei der Münchner Agentur In A Nutshell - © Erik Mosoni
KI kann beim professionellen Storytelling inspirieren, Zeit sparen und neue Wege aufzeigen, jedoch menschliche Kreativität, authentisches Erzählen und kritisches Denken (noch) nicht ersetzen resümiert Katja Hertin, Senior Content Strategist bei der Münchner Agentur In A Nutshell in dem folgenden Gastbeitrag AI und Storytelling: Wie uns ChatGPT und KI-Kollegen zu besseren Geschichtenerzählern machen.
„Es war einmal…” – so beginnen Geschichten klassischerweise. Ich bin überzeugt, dass wir schon in wenigen Jahren auf 2024 zurückblicken und uns milde lächelnd erinnern, werden: „Es war einmal eine Zeit, in der Marken mit großem Stolz verkündeten, Kampagnen und Produkte mit KI entwickelt zu haben…” Ob Heinz Ketchup, Nutella, Nike, McDonald’s oder BMW – sie alle haben mit Unterstützung ihrer Agenturen genau das getan und dafür viel Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten.
Sehr bald wird es selbstverständlich sein, eine Vielzahl von (Kreativ-)Aufgaben mit Hilfe von KI zu erledigen. So geht der Medienmanager Oliver Eckert, COO von Neven Dumont, davon aus, “dass bereits in zwei Jahren der Großteil der Inhalte im Internet von Maschinen geschrieben sein wird“. Niemand wird dann die Content-Erstellung durch KI mehr als besondere Leistung hervorheben. So wie wir auch nicht stolz erzählen, dass wir eine Information mit Google recherchiert haben, anstatt sie im „Großen Brockhaus” nachzuschlagen (red. Anmerkung für Digital Natives: das war eine Art gedrucktes Wikipedia). Für alle Content Creators ist es alternativlos, sich mit den mächtigen Werkzeugen der generativen KI zu beschäftigen, wenn sie nicht wie der “Brockhaus” aussortiert werden wollen. Oder anders gesagt: Nicht die KI klaut uns Storyteller:innen den Job, sondern KI-Anwender:innen.
Denn wenn GenAI eines sehr gut kann, dann ist es – Geschichten schreiben. Wer das mal unkompliziert ausprobieren will: Die KI-Beratungsfirma disruptive hat zum Spaß via ChatGPT einen eigenen Chatbot entwickelt, der persönliche und interaktive Bedtime Stories für Kinder erfindet. Zu Zeiten, als meine Tochter noch jeden Abend eine neue Prinzessinnengeschichte von mir verlangte, wäre ich eine dankbare Nutzerin gewesen.
Macht KI damit das menschliche Geschichtenerzählen überflüssig? Stand heute: eindeutig nein. Auf der Business-Plattform LinkedIn lässt sich das aktuell gut beobachten: Immer mehr Menschen veröffentlichen dort lange von KI geschriebene Beiträge, wie man am immer gleichen Textaufbau und der glatt polierten, oft pathetischen Sprache unschwer erkennen kann. Die Folge ist eine Explosion gleichförmiger Inhalte, die niemand mehr lesen kann und mag. Wer hier noch mit seiner Botschaft durchdringen will, muss selbst das Gehirn anwerfen und sich etwas Eigenständiges einfallen lassen. In einer Welt, in der Inhalte im Überfluss vorhanden sind, ist die Kunst des kreativen, überraschenden, berührenden, aufrichtigen, persönlichen Storytellings also wichtiger denn je. Aber: Besser als die KI zu erzählen – das ist die neue Benchmark.
Die gute Nachricht: Bei dieser Herausforderung kann uns die KI hervorragend helfen. Ich nutze sie vor allem als Sparringspartner – etwa bei der Entwicklung von Narrativen, Konzepten und Claims, bei der Recherche sowie beim Redigieren und Korrigieren von Texten. Hier meine fünf besten Praxistipps:
1. KI nimmt die Angst vor dem Anfang
Viele Autor:innen werden es kennen: die Blockade, wenn man vor der leeren Seite auf dem Bildschirm sitzt und noch keine Ahnung hat, wie man mit dem Text oder Konzept loslegen soll. Zum Aufwärmen lasse ich deshalb gern GenAI mit Vorschlägen beginnen. Für diesen Artikel habe ich zum Beispiel das KI-Tool Perplexity beauftragt, originelle Einstiege für einen Artikel über KI und Storytelling zu schreiben.
Perplexity schlug unter anderem vor, mit “Es war einmal ein Algorithmus” zu starten, was mich auf die Idee für meinen eigenen Einstieg brachte.
2. KI bringt dich auf neue Ideen
Ein Vorteil des erwähnten Tools Perplexity gegenüber
ChatGPT ist, dass es nicht nur zuverlässig die Quellen zu seinen Antworten als Verlinkungen anbietet, sondern auch mögliche weiterführende Aspekte ähnlich den “Weiteren Fragen” in den Google-Suchergebnissen vorschlägt. Die bringen einen nicht nur auf weitere inhaltliche Ideen, man kann so auch aufs Nachprompten verzichten. Eine “Related Question” zum Thema “KI & Storytelling” lautet zum Beispiel: "Wie kann man KI-Tools so einsetzen, dass die menschliche Note nicht verloren geht?”. Die Antwort: AI nur als Hilfsmittel zur Strukturierung, Recherche und als Ideengeber einsetzen. Für Emotionen und die Story selbst sind bis auf weiteres (noch) wir Menschen zuständig. Auch mit dem Herstellen von Zusammenhängen und dem Lesen zwischen den Zeilen tut sich die KI bislang schwer. Beim gekonnten Umgang mit sprachlichen Feinheiten wie Ironie, Sarkasmus und Humor schlägt die menschliche Intelligenz momentan noch die künstliche.
3. KI spart uns Zeit
Beim Stichwort „Es war einmal…” fällt mir ein, dass wir früher in der Redaktion längere Interviews zum Abtippen an ein Schreibbüro geschickt haben. Dann kamen die ersten Tools, die Audioformate in Text umwandeln konnten. Und heute funktioniert das – dank KI-Tools wie
Deepgram – sogar bei Videos hervorragend. Einfach den Youtube-Link zum Beispiel von einem Speaker-Video einfügen, auf das man in einem Social-Media-Post hinweisen will, und nach wenigen Sekunden spuckt das Tool selbst lange Vorträge in Textform aus. Jetzt kann man sich von ChatGPT noch die wichtigsten Thesen des Vortrags zusammenfassen lassen und hat in weniger als drei Minuten alles, was man braucht, um den Post zu verfassen.
4. KI macht Texte besser
Wenn es auf Sprachqualität ankommt, lasse ich Texte mittlerweile routinemäßig von dem KI-Schreibassistenten
DeepL Write gegenchecken. Die Schwester des Übersetzungsprogramms DeepL verbessert nicht nur Fehler, sondern redigiert auch sehr professionell. Ich übernehme zwar nicht alle Verbesserungsvorschläge, weil ich oft die Individualität von Sprachrhythmus und Wortwahl beibehalten will, aber geschätzte 60 bis 70 Prozent der Empfehlungen tragen meiner Erfahrung nach dazu bei, den Text zu verbessern.
5. KI hilft beim Umgang mit KI
Es dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, dass für die Qualität der mittels KI erzielten Ergebnisse das Briefing mit klaren, spezifischen und gut strukturierten Befehlen (= Prompts) entscheidend ist. Das Praktische für alle Einsteiger:innen, zu denen ich mich auch zähle: Man kann KI-Tools wie ChatGPT auch dafür einspannen, geeignete Prompts zu schreiben. Das bietet sich vor allem bei komplexeren Aufgaben an, wie beispielsweise bei dem Auftrag, aus einer Pressemitteilung einen Social-Media-Post zu verfassen. Der entsprechende Befehl an ChatGPT könnte so beginnen:
„Du bist mein Prompt-Designer. Du sollst mir helfen, den bestmöglichen Prompt für meine Anfrage zu erstellen. Der Prompt wird von dir, ChatGPT, verwendet. Halte dich an den folgenden Prozess: Frag mich zuerst, worum es in dem Prompt gehen soll. Ich werde dir meine Antwort geben, aber wir müssen sie verbessern, indem wir den Prozess mehrfach wiederholen und die nächsten Schritte durchgehen.” Etc.pp. Bevor einem die KI einen Job abnehmen kann, muss man oft also erst mal einiges an Arbeit investieren. Ähnlich wie bei neuen Team-Mitgliedern, die zunächst eingearbeitet werden müssen, bevor sie sich nützlich machen können.
Fazit: KI kann uns beim professionellen Storytelling inspirieren, uns Zeit sparen und neue Wege aufzeigen. Doch die menschliche Kreativität und das authentische Erzählen bleiben unersetzbar. Es ist die Kombination aus beidem – Mensch und Maschine – die Geschichten auf ein neues Level heben. Lassen wir uns also auf diese Collab ein und nutzen die Möglichkeiten, die uns die KI bietet, ohne unsere eigene kreative Stimme und unser kritisches Denken zu verlieren.